Interview

"Diese normativen Fragen präsent zu halten, ist ein wichtiger Aspekt meiner Tätigkeit"

AcademiaNet-Interview mit Sonja Rinofner-Kreidl, Professorin für Philosophie in Graz

26. 10. 2016 | Der Schwerpunkt von Prof. Rinofner-Kreidls Arbeit ist die Phänomenologie. In diesem Interview spricht sie jedoch über Angewandte Ethik, vor allem über ihre Tätigkeit als Mitglied des Ethikkomitees des Universitätsklinikums Graz.
Um die Arbeit von Frau Prof. Rinofner-Kreidl zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, was Phänomenologie eigentlich ist. Ein kurzer Erklärungsversuch: Ein Phänomen ist kein Fakt, zu einem Phänomen gehört der Betrachter und dessen Interesse oder Befindlichkeit unentwirrbar hinzu. Zur Veranschaulichung beschrieb mir Frau Rinofner-Kreidl einen möglichen Wechsel des Interesses des Betrachters in unserem Gespräch. "Das ist etwa der Fall, wenn ich eine vor mir liegende Hügellandschaft nicht bloß in ihrer sinnlich-ästhetischen Erscheinung genieße, sondern die Weingärten und Wiesen nach schattigen Ruheplätzen absuche oder im Geiste den Ertrag der Weinernte berechne. An solchen Variationen wird der Subjektbezug des Wahrgenommenen sichtbar."

Für sie ist die Phänomenologie deshalb auch "eine Methodologie und eine Vernunfttheorie". Diese Methodologie lässt sich nicht der Theoretischen oder Praktischen Philosophie zuordnen, sondern übergreift beide Teilbereiche. Für ihre Tätigkeit im Ethikkomitee ist es ebenfalls unverzichtbar, sowohl in der Angewandten als auch in der Theoretischen Ethik zuhause zu sein. Am Ende unseres Interviews spricht Frau Rinofner-Kreidl auch über das Verhältnis dieser beiden Teilbereiche der Philosophie.

AcademiaNet: Frau Prof. Rinofner-Kreidl, Sie befassen sich auch mit Angewandter Ethik und sind seit zehn Jahren Mitglied des Ethikkomitees des Universitätsklinikums Graz. Was ist Ihre Rolle als Philosophin in diesem Gremium?

Prof. Sonja Rinofner-Kreidl
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Prof. Sonja Rinofner-Kreidl
Prof. Sonja Rinofner-Kreidl: Das Ethikkomitee des Grazer Universitätsklinikums vereint das übliche Kaleidoskop an Interdisziplinarität: verschiedene Spezialisierungen der Medizin, Pflege, Rechtswissenschaft, Psychologie, Philosophie und Theologie. Unsere Diskussionen betreffen mehrheitlich Behandlungsfälle, für die Unterstützung durch das Ethikkomitee angefordert wurde. In meinen Diskussionsbeiträgen zu Fallgeschichten ziele ich darauf, die konkreten Anknüpfungspunkte ethischer Fragestellungen zu benennen und zu präzisieren. Das kann etwa Fragen der Autonomie betreffen oder den Perspektivenwechsel, der hinter Fragen nach der Einschränkung der Lebensqualität einerseits und medizinischen Therapieoptionen andererseits steht, oder den Unterschied von subjektivem und objektivem Krankheitsverständnis oder auch vermutete psychiatrische Komplikationen, welche die Einwilligungsfähigkeit des Patienten beeinflussen können.

Nicht selten befassen wir uns anhand individueller Krankengeschichten mit der Frage der Willensentwicklung unter dem Einfluss chronischer oder terminaler Erkrankungen. Schwierig sind insbesondere die Fälle, in denen der mutmaßliche Wille aus der bisherigen Lebensführung und dem Zeugnis von Angehörigen ermittelt werden muss, weil die Patienten nicht mehr urteils- und einsichtsfähig sind, aber keine Patientenverfügung vorliegt.

Wie fällt das Ethikkomitee solche schwierigen Entscheidungen?

Probleme sind nicht im Besitz einzelner Wissensdisziplinen. Nach meinem Verständnis lebt die gemeinsame Arbeit in einem Ethikkomitee davon, dass Expertinnen zusammentreffen, die verschiedene Wissenshintergründe mitbringen, zugleich aber offen für Grenzüberschreitungen sind. So können sich beispielsweise Psychotherapeutinnen und Philosophinnen gleichermaßen für Fragen der Selbstbestimmung interessieren, in deren fallbezogene Erörterung aber verschiedene Zielsetzungen einbringen, die mit professionellen Ausbildungen und Interessen verknüpft und insofern überindividuell wirksam sind.

Während Psychotherapeuten jedoch stark auf die Wiederherstellung und Förderung der Lebensfähigkeit und Selbstwirksamkeit von Patientinnen ausgerichtet sind, ist es für mich als Philosophin kein Tabu und mitunter naheliegend, auch die Möglichkeit eines Bilanzselbstmordes zu diskutieren, also eine Selbstmordentscheidung, die alle bestehenden Fakten in Ruhe gegeneinander abwägt. Gründe hierfür stellen sich bei chronischen Erkrankungen anders dar als bei akuten, und sie stellen sich je nach Art der akuten Erkrankung, je nach familiärem Umfeld, sozialer Position und Charakteranlage verschieden dar. Als Philosophin sehe ich meine Aufgabe immer wieder darin, auf andere Perspektiven und Denkmöglichkeiten hinzuweisen.

Oft müssen wir uns auch fragen, wie das relative Gewicht einzelner Argumente und Stellungnahmen zu bemessen ist. In dieser Lage ist es wichtig, nicht vorauszusetzen, dass die Sachlage jederzeit rein sachbezogen und objektiv abgebildet wird. Die Hintergründe und Referenzen der jeweiligen Einschätzungen offen zu legen, beispielsweie in einer Motiv- und Kontextanalyse, kann insofern wesentlich dazu beitragen, die Rechtfertigungskraft von Argumenten zu klären.

Welche Fähigkeiten sind Ihrer Meinung nach für dieses Engagement von Bedeutung?

Krankengeschichten verschmelzen ethische Fragen mit individuellen existenziellen Krisen, sowie mit institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Hier kommen Ressourcenfragen und Fragen der psychischen Belastung des Personals ebenso ins Spiel wie die Frage, was Patientenwürde unter Extremversorgungsbedingungen bedeuten kann. Je begrenzter die Optionen einer rationalen Bewältigung von Problemlagen und je belastender die therapeutischen Maßnahmen für die Betroffenen sind, desto bedeutsamer ist der menschliche Zugang: das Augenmaß, mit dem invasive Therapien eingesetzt werden; die Aufmerksamkeit auf die Befindlichkeit, die Lebensqualität und die psychosoziale Lage der Patientin; die Empathie und Kompetenz, mit der eine palliative Betreuung durchgeführt wird.

Wenn gegebene Entscheidungslagen viele Unsicherheitsfaktoren enthalten, ist es umso wichtiger, dass Entscheidungen im Vorfeld gemeinsam diskutiert und von einem Team mitgetragen werden, auch wenn sie gemäß Zuständigkeit und hierarchischer Organisation am Ende nur von einer verantwortlichen Ärztin getroffen werden.

Angewandte Ethik ist nur ein kleiner Teil Ihrer Forschung. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen der theoretischen und der angewandten Ethik?

Meine Einstellung zur Angewandten Ethik ist im Grunde ambivalent: Einerseits halte ich es für notwendig, dass sich eine philosophische Ethik aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen stellt und diese nicht als ein marginales Szenario betrachtet. Andererseits bin ich skeptisch, ob wir mit der Erfindung einer Vielzahl an Bindestrich-Ethiken wie der Tier-Ethik, der Technik-Ethik, der Medien-Ethik oder eben der Medizin-Ethik nicht eine Separation von theoretischer und anwendungsbezogener Ethik verstärkt haben.

Diese kann dazu führen, dass sich die theoretische Ethik von Anwendungsfragen dispensiert sieht und die angewandte Ethik, umgekehrt, die Kernfragen der normativen Begründung in die theoretische Ethik auslagert und sich selbst stärker in Richtung eines pragmatischen oder demokratischen Krisenmanagements, der Erstellung heuristisch-didaktischer Checklisten und dergleichen entwickelt. Mir scheint dagegen gerade die enge Koppelung von theoretischer und angewandter Ethik zentral, weil diese auf beiden Seiten Druck in Richtung einer permanenten Reflexion des Aufgabenbereiches und der verfügbaren Methoden sowie einer Schärfung der Fragestellungen ausübt.

Aufgrund der Doppelnatur der Medizin als naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung einerseits und diagnostisch-therapeutischer ärztlicher Tätigkeit andererseits ist der Status der Medizin-Ethik womöglich noch umstrittener als der anderer Bindestrich-Ethiken. Sie ist notorisch in Gefahr, als eine periphere, das eigentliche Kerngeschäft der Medizin nicht berührende Zusatzqualifikation verstanden zu werden, die sich lediglich mit Kommunikationsproblemen zwischen dem behandelnden Ärzte-Team und der Patientin oder den Angehörigen befasst.

Versteht man die Medizinethik bloß als ein kompensatorisches 'Anhängsel' einer Reparaturmedizin, so gerät man leicht in die Lage, sie auf soziale und psychologische Probleme zu beschränken und den Bezug auf die Fragen der Normativität, welche den medizinischen Eingriffen in menschliche oder tierische Körper überhaupt anhängen, außer Sicht zu verlieren. Diese normativen Fragen präsent zu halten, verstehe ich als einen wichtigen Aspekt meiner Tätigkeit als Mitglied eines klinischen Ethikkomitees.

Wie kamen Sie persönlich zu den vielfältigen Themenfeldern der Angewandten Ethik?

Mein Interesse für Angewandte Ethik und speziell für Medizinethik ist gewiss auch aus einem Reservoir persönlicher Erfahrungen gespeist. Zu diesen gehört der krankheitsbedingte frühe Tod naher Angehöriger. Dass ich in diesem Sinn ein 'wounded storyteller' bin – wie sich einer der Protagonisten einer narrativen Medizin, Arthur W. Frank, in seinem gleichnamigen Buch selbst bezeichnet hat –, ist nicht nur Teil meiner persönlichen Lebensgeschichte. Es ist auch Teil meiner Identität als Philosophin, Phänomenologin und Ethikerin, nämlich ein biografisch verwurzelter starker Antrieb, das Leben in all seinen Formen und Ausprägungen, in seiner Vielfalt, Schönheit, Grausamkeit und Verletzbarkeit zu verstehen.

Über das jeweils erreichte Ergebnis hinaus ist der Prozess der Entscheidungsfindung im Ethikkomitee, wie angedeutet, immer auch Arbeit an der eigenen Wahrnehmung und kognitiven Durchdringung menschlicher Bedrängnislagen. Nach jedem der genannten Aspekte betrachte ich die Tätigkeit im Ethikkomitee des Grazer Universitätsklinikums als ein Privileg, das mir persönlich wie auch meiner philosophischen Arbeit zu Gute kommt, zum Beispiel meinen aktuellen Themenschwerpunkten Trauer und Dankbarkeit in der Emotionstheorie. Ich hoffe, dass sich Geben und Nehmen in einer guten Balance halten.

Sehr geehrte Frau Prof. Rinofner-Kreidl, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch!

Das Interview führte Susanne Dambeck.   (© AcademiaNet)

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