LHC

"Was zählt, ist Leistung"

Interview mit Prof. Felicitas Pauss

25. 11. 2010 | Die Professorin für Teilchenphysik an der ETH Zürich und Head of International Relations am CERN über internationale Zusammenarbeit und ihre Begeisterung für die Physik.
AcademiaNet: Am 10. September 2008 startete der LHC, 9 Tage später musste der Beschleuniger nach einem Kurzschluss abgeschaltet werden, umfangreiche Reparaturen waren notwendig und er fiel für 14 Monate aus. Wie fühlt sich das an, plötzlich so ausgebremst zu werden?

Prof. Felicitas Pauss
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Prof. Felicitas Pauss
Frau Prof. Pauss: Als die ersten Protonen zirkulierten, war die Begeisterung der beteiligten Forscher riesig groß. Ich habe selten - zusammen mit den anwesenden Journalisten - eine so kollektive Freude über einen wissenschaftlichen Erfolg gesehen. Deshalb war es natürlich schon eine sehr große Enttäuschung, dass wir so bald danach wieder aufhören mussten.
Aber es gehört einfach zu hochtechnologischen Instrumenten dazu, dass technische Probleme auftreten können, die man lösen muss – und dass es Zeit braucht. Als wir dann am 30. März dieses Jahres die ersten hochenergetischen Kollisionen am LHC mit den vier Experimenten aufgezeichnet haben, war die Freude wieder sehr groß. Bisher funktioniert der LHC ausgezeichnet und wie gut die Experimente laufen, hat meine Erwartungen übertroffen. Als Mitglied der CMS-Gruppe – der CMS ist einer der großen Detektoren am LHC - habe ich nicht erwartet, dass wir so rasch physikalisch relevante Ergebnisse erhalten werden.
Es erfüllt mich mit großem Stolz, dass es der CMS Kollaboration, bestehend aus ungefähr 3000 Wissenschaftlern aus mehr als 180 Instituten und 35 Ländern, gelungen ist, einen technologisch so komplexen Detektor zu bauen und nun erfolgreich zu betreiben.

Wie ist ihnen allen das gelungen?

Das war ein bottom-up-Prozess. Wir Wissenschaftler waren von der wissenschaftlichen Zielsetzung überzeugt. Zuerst war das gemeinsame Ziel den CMS Detektor zu bauen, und heute die Daten zu analysieren. Dieses gemeinsame Ziel hat den Erfolg ermöglicht.

Also hatten Sie nie Zweifel daran, dass das Projekt fortgeführt werden würde?

Nein, daran habe ich nie gezweifelt. In den vielen Jahren der Planung und Konstruktion gab es immer wieder große technologische Herausforderungen, sowohl was die LHC Maschine betrifft als auch die Experimente. Aber bei jedem technischen Problem war ich davon überzeugt: gemeinsam werden wir eine Lösung finden und werden dieses Problem lösen. Was auch gestimmt hat.

Ist große Forschung immer mit professionellem Management verbunden, speziell wenn so viele Forscher aus so vielen Nationen zusammen gebracht werden müssen? Oder ist auch vieles Ergebnis einer gemeinsamen Sache, bei der jeder von sich aus das Beste gibt, ohne auf seinen Platz gezwungen werden zu müssen?

Natürlich brauchen wir auch eine Management-Struktur in so einer großen Kollaboration wie CMS es ist. Diese ist aber sehr verschieden von der einer großen Firma. Ich vergleiche die Arbeit in der CMS Kollaboration sehr gerne mit einem großen Symphonie-Orchester. Vielleicht auch, weil ich in Salzburg groß geworden bin und in meiner Jugend sehr viel musiziert habe. Sie brauchen ausgezeichnete Musiker auf den verschiedensten Instrumenten; es braucht aber auch einen Konzertmeister und einen Dirigenten. Er muss es schaffen, die Musiker zu Höchstleistungen zu motivieren. Das Ergebnis ist ein exzellentes Konzert von dem die Zuschauer begeistert sind. In den Experimenten zur Teilchenphysik brauchen wir auch Experten aus verschiedenen Disziplinen, welche gemeinsam das Projekt realisieren.

Sie sind "Head of International Relations" am CERN – was bedeutet das für Sie?

Heute spricht man viel über Globalisierung. Ich denke am CERN und speziell mit dem LHC Projekt haben wir ein wirklich globales wissenschaftliches Projekt! Wir haben Mitarbeiter aus der ganzen Welt und - durch meine Funktion am CERN – kann ich meine Begeisterung dafür ausleben, dass die wissenschaftliche Sprache, die wissenschaftliche Zusammenarbeit über politische Grenzen hinausgeht. Die "science for peace" Idee, die da dahinter steht, war ganz maßgeblich bei der Gründung der Institution CERN.

Verwischt diese Globalisierung eigentlich auch männliche und weibliche Strategien? Oder gab es doch Momente, wo Sie dachten, hier müssten Sie sich auch als Frau durchsetzen?

Nein. Meine Herangehensweise ist "Leistung ist das, was zählt, und ich mache meine Arbeit gut, wenn ich etwas gerne mache". Ich habe eigentlich nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas nicht machen kann, weil ich eine Frau bin.

Sie hatten 2003 in einem Gespräch erwähnt, dass Sie vier Doktorandinnen haben und für diese durchaus eine Vorbildfunktion haben. Wie sehen Sie sich in dieser Rolle?

Ich denke schon, dass ich ein Vorbild sein kann, sowohl für die Wahl des Studiums als auch für den beruflichen Werdegang. Man soll ein Studium wählen, von dem man überzeugt ist, dass es einen interessiert. Als ich jung war, wurde schon manchmal gesagt "Mädchen und Physik – das passt nicht zusammen". Daran habe ich mich nicht gehalten, und habe es bis heute nicht bereut.
Ich finde es sehr erfreulich, dass ein großer Prozentsatz der Studentinnen, welche bei mir ein Doktorat gemacht haben, auch überdurchschnittlich gut waren. Es gibt exzellente junge Damen, die promovieren, weil sie überzeugt davon sind, dass sie das machen wollen – unabhängig davon ob es vielleicht ein bisschen Widerstand gibt.

Was würden Sie denn jungen Wissenschaftlerinnen als allgemeinen Ratschlag mit auf den Weg geben?

Ich glaube, sie sollen einen Beruf wählen, der ihnen von Grund auf Freude macht. Sie haben durch das Studium eine exzellente Ausbildung, sind für verschiedene Berufe qualifiziert. Sie müssen die Entscheidungen für sich selber treffen – und dafür sollten sie sich Zeit nehmen und genau abwägen: was sind die Randbedingungen, was kann ich, was will ich machen? Akzeptieren, dass es im Leben auch mal nicht so gut geht und nicht denken, dass bei anderen Personen alles viel besser ist. Eine positive Einstellung haben und die eigene innere Freiheit nicht aufgeben. Ich denke, das ist wichtig.

Haben Sie persönlich denn überhaupt noch Zeit zu reflektieren, sich neue Ziele zu setzen? Oder ist das Projekt zu einem Zug geworden, der Sie mit nimmt und nicht mehr stehen bleibt?

Als ich noch etwas jünger war, habe ich gerne Trekking Touren im Himalaya gemacht. Das waren ungefähr zwei Wochen marschieren mit Rucksack und in Zelten schlafen. Da gab es kein Telefon und viel Zeit zum Nachdenken. Weit weg, in einer anderen Zivilisation, hoch oben im Gebirge, war für mich eine gute Gelegenheit meine Gedanken zu ordnen. Heute habe ich andere Wege gefunden, die nötige Zeit zum Reflektieren zu finden.
Ich reise immer noch sehr gerne in andere Länder – wenn auch heute mit etwas mehr Komfort. Ich kam vor einigen Tagen von einer einmonatigen Reise in China zurück. Das war eine sehr interessante Mischung von Arbeit – Installationen anzuschauen, die mit Physik zu tun haben – und auch etwas Urlaub. Ich hatte diesmal somit mehr Gelegenheit zu beobachten, wie sich China entwickelt hat, seitdem ich vor dreißig Jahren das erste Mal dort war.

Frau Pauss, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Stephanie Hanel   (© AcademiaNet)

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